Im Alltag

Selbst schuld, sag ich da nur. Wie ein Arzttermin mit Kind NICHT ablaufen sollte.

Ja, das ging dann wohl mal voll in die Hose, würde ich sagen. Oder besser: Ich mache mir das Leben auch selbst gerne schwer. Ich komme gerade vom Arzttermin mit unserem Fips. Wir waren beim Orthopäden, der mal nach seinen Füßen schauen sollte. Keine große Sache, dachte ich mir. Das schaffe ich heute gut alleine. Wie war ich eigentlich auf diesen Quatsch gekommen? Reine Selbstüberschätzung.
Schließlich hatte ich gerade gestern noch an meinem neuen Artikel zum Thema Arztbesuche gefeilt. Ich selbst habe die Zeilen geschrieben und mehrfach gelesen, wie man so einen Termin am besten organisiert und warum eine Begleitperson so wichtig ist! Und prompt erlebe ich heute Morgen das Parade-Beispiel dafür, wie man es eben nicht machen sollte. Also gut aufgepasst! Statt einem schlauen Info-Artikel folgt jetzt eine kleine Anekdote zu unserem heutigen Arztbesuch, die Dir zeigen wird, wie Du es besser NICHT machen solltest! 😉

Das kann doch jetzt nicht wahr sein!

Wir waren extra früh losgefahren und schon 20 Minuten vor dem eigentlichen Termin angekommen. Zum Glück. Denn auf der Fahrt hatte ich schon zu meinem Erschrecken feststellen müssen, dass ich den Buggy vergessen hatte. Das kommt einmal im Schaltjahr vor – und natürlich genau HEUTE. Verflucht. Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Leichte Panik stieg in mir auf. Wenn wir nicht gerade einen Parkplatz direkt vor der Tür bekommen würden, dann könnte der Weg bis in die Praxis eine echte Herausforderung werden. Denn auch wenn unser Fips laufen KANN, die Motivation dazu geht oft gegen null – insbesondere in fremder Umgebung und in meiner Begleitung. Zudem regnete es noch (un)gemütlich vor sich hin und ich war innerlich bereits leicht angespannt. Beste Voraussetzungen also, um überhaupt erstmal in der Praxis anzukommen. Aber gut, wir waren ja heute früh dran. Das würden wir schon irgendwie schaffen.

Mein Rücken sagt danke!

Zum Glück bekamen wir sogar einen relativ günstigen Parkplatz und mussten „nur“ den Hügel an der Ausfahrt des Parkplatzes hochlaufen und dann noch ca. 100 m bis zur Eingangstür. Aber wie erwartet – unser Fips weigerte sich zu laufen. Stattdessen lehnte er sich an das nasse Auto, und bevor er sich bis auf den nassen Boden runtersinken lassen konnte, hatte ich ihn auch schon geschnappt. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich kenne unseren Spezialisten. In meinem Beisein würde er selbst diese kurze Strecke nicht zu Fuß bewältigen. Also schleppte ich seine 22 kg (plus Winteroutfit, Orthesen und Orthesenschuhe und natürlich meine zwei Taschen) zügig bis zum Eingangsbereich und war schon das erste Mal außer Puste und leicht geschwitzt. Hier ließ ich uns etwas Zeit zum Durchschnaufen, und wir schafften es beide zu Fuß bis zum Aufzug. Daumen hoch!

Oben angekommen suchte ich nach der richtigen Praxistür. Ich muss dazu sagen – es gab nur zwei. Eine auf der linken Seite des Treppenhauses – eine auf der rechten. Und es hing ein großes Schild mit klarer Schrift und Richtungspfeilen an der Wand vor mir – direkt zwischen beiden Türen.
Trotzdem schaffte ich es, die falsche Tür zu erwischen. Aber noch war alles gut. Fips war noch recht kooperativ, und wir gingen zur Anmeldung. Die nette Dame wies mich jedoch freundlich darauf hin, dass unser Arzt in der gegenüberliegenden Praxis zu finden sei. Okay, kein Problem. Zumindest für mich nicht. Unser Fips hatte jedoch keine gesteigerte Lust, die Räumlichkeiten zu wechseln und setze sich demonstrativ auf den Boden. Im gleichen Zuge begann das Jammern. „Komm, steh bitte auf. Auf geht´s …“ Ich versuchte ihn zum Aufstehen zu motivieren, obwohl ich wusste, dass es zwecklos ist in diesem Moment. Ich wurde ungeduldig und kam immer mehr ins Schwitzen. In der Arztpraxis war es kuschelig warm, meine Winterjacke, mein Schal und die zwei Taschen (eine vollgestopfte Wickeltasche und meine eigene Tasche) heizten mir weiter ein, und mein streikender Sohn gab mir den Rest. Also wieder: In die Knie und schön aus den Beinen heraus – hau ruck! 22 kg (plus Winteroutfit… ihr wisst schon), mein Rücken sagt danke!

Fast geschafft – fürs erste…

In der richtigen Praxis angekommen (ich hatte tatsächlich die Pfeile falsch gelesen) war die Patientin vor uns so nett und ließ uns vor. Ich vermute, dass man mir ansehen konnte, dass ich ein klein wenig überfordert war. Ich setzte den Fips endlich ab und war froh, dass wir am Ziel waren. Ach nein, stimmt ja gar nicht. Wir hatten noch den Weg ins Wartezimmer vor uns. Der nächste Streik. Und ich kann unseren Fips auch verstehen. Was für uns alle selbstverständlich ist, ist für ihn die pure Reizüberflutung. Neue Räume, neue Menschen, neue Situationen, Stimmen und Gerüche, und eine Mama, die ständig was von ihm will. Also schleppte ich ihn auch noch ins Wartezimmer. Mittlerweile hatte ich mich meiner Jacken und Westen entledigt und saß geschwitzt und nur noch im T-Shirt im Wartezimmer. Wohlbemerkt: wir haben Januar! Als die Arzthelferin uns abholen kam, war ich schonmal beruhigt: sie hatte es nicht allzu eilig und gab uns bzw. unserem Fips Zeit. Eine wirklich ganz herzliche junge Frau. Und endlich saßen wir im Behandlungszimmer. Durchatmen.

Multitasking ist was für Streber

Die Untersuchung selbst war relativ entspannt: Schuhe und Orthesen ausziehen, Socken und Hose auch und ein geschulter Blick des Arztes mit einigen leichten Berührungen und Bewegungen an den Beinen – das störte unseren Fips nicht weiter. Und trotzdem hatte ich das Ganze unterschätzt. Schließlich musste ich mich während und vor allem nach der Untersuchung sehr auf das Gespräch mit dem Arzt konzentrieren. Kurzer Abriss über die Situation und den Gendefekt, bisherige Maßnahmen und Hilfsmittel, andere beteiligte Ärzte usw. Und dann natürlich die Beurteilung des Arztes und seine Empfehlungen. Welche Möglichkeiten haben wir für die Zukunft? Was bedeutet das? In welchem Alter kommt was? OP – ja oder nein?
Während ich damit beschäftigt war, dem Gespräch zu folgen, wurde der Fips immer unruhiger und suchte natürlich Aufmerksamkeit. Da er die von mir nicht ausreichend bekommen konnte, suchte er sie bei der jungen Kollegin, die der Arzt mitgebracht hatte, die aber so natürlich nicht mehr dem Arztgespräch folgen konnte.  

Als der Fips dann zum Ende des Termins schon deutlich überreizt war und seinen Schnuller verlangte, hatte ich das nächste Problem. Ich konnte ihn nicht finden. Wie kann man eigentlich so unvorbereitet in einen Arzttermin gehen? Ich suchte in den endlosen Weiten meiner Taschen und fand genau: Nichts! Vor lauter Aufregung hatte ich ihn unbeachtet in eine andere Innentasche gesteckt, was ich natürlich erst später festgestellt habe.

Also gab ich mir Mühe, möglichst ruhig aber dennoch zügig das Kind wieder anzuziehen, damit wir so schnell es ging die Praxis verlassen konnten. Denn ich wusste: im Auto muss ein Schnuller sein. Dumm nur, dass wir durch die Schlange an der Anmeldung mussten – das waren jetzt eindeutig zu viele Menschen für den Fips: „Geht weg! Leute!! Geht weg!“ rief er mit bösem Blick und gestikulierte dazu. Als er einem Herrn dann ans Bein fasste und ihn vermutlich wegschieben wollte, suchte ich nach dem nächsten großen Loch im Boden. Diese Situationen haben wir in letzter Zeit häufiger und ich weiß immer noch nicht, wie ich mich am besten verhalten soll. Mir fiel nichts anderes ein als „Schhhh…Pssst…“ Ich traute mich gar nicht hochzublicken und jemandem ins Gesicht zu schauen. Aber entschuldigen wollte ich mich irgendwie auch nicht für mein Kind. Ich wusste ja, was in ihm vorgeht und dass das keineswegs böse gemeint war. Aber das wussten natürlich nicht die Patienten um uns herum. Also bloß raus hier. Allerdings war Fips auch diesmal natürlich nicht bereit zu laufen, und als er immer lauter jammerte, wollte ich nicht noch mehr Unruhe in der Praxis stiften und schnappte ihn. Jetzt nur noch zum Aufzug und dann zum Auto. Dort angekommen war ich komplett durchgeschwitzt und erschöpft. Aber erleichtert. Das hätten wir geschafft.

Und was lernen wir jetzt daraus?

Wer wie ich nicht multitaskingfähig und in neuen Situationen schnell überfordert ist, tut gut daran, ein paar grundlegende Dinge zu berücksichtigen.

1.Wenn möglich immer eine Begleitperson für Arzttermine einplanen

Das kann der eigene Partner sein, ein Elternteil, Geschwister oder eine andere vertraute Person. Bei den Terminen im SPZ, die für uns als Eltern immer sehr wertvoll und wichtig sind und die auch nur in großen Abständen stattfinden, nehme ich immer meinen Mann mit. Das sind „unsere“ Termine. Alle Fahrten rund um Orthesen und Reha-Buggy übernimmt mein Vater – gerade, weil wir hier auch längere Strecken fahren. Bei allen anderen Arztterminen begleitet mich meine Mutter. So teilt sich das ganze gut auf.

2. Frühzeitig ankündigen und richtig kommunizieren

Damit die Termine auch auf beiden Seiten richtig eingeplant werden können, versuche ich sie so früh wie möglich mitzuteilen. Dabei hat sich bewährt, gemeinsam mit Terminkalender zusammenzusitzen, damit tatsächlich nichts durchrutscht.

3. Klare Aufgabenverteilung

Im Laufe der Zeit hat sich bei uns eine klare Aufgabenverteilung entwickelt – aber zu Beginn habe ich das einfach offen angesprochen: Ich möchte mich auf das Gespräch mit dem Arzt konzentrieren, und meine Begleitung kümmert sich um den Fips, z.B. durch:

  • unterstützen beim An- und Ausziehen
  • beaufsichtigen & beruhigen
  • ablenken & bespaßen
  • teilweise auch unterstützen bei den Untersuchungen, gerade wenn der Fips festgehalten werden muss (z. B. beim HNO-Arzt, beim Urologen oder der Blutabnahme; wer das fragile X-Syndrom kennt, weiß, wie „gerne“ sich die Kinder anfassen oder festhalten lassen

4. Immer einen Buggy mitnehmen

Wenn das Laufen oder Situationsübergänge bzw. Ortswechsel schwierig sind, wie bei uns: immer an den Buggy denken! Der eignet sich auch ideal als Ablage für Taschen, Jacken usw.

5. Schnuller oder sonstige Mittel zur Beruhigung griffbereit haben

Je nach Art oder Dauer des Termins zur Sicherheit die notwendigen „Beruhigungsmittel“ einplanen. Schnuller, Spielzeug, Getränk, kleiner Snack oder auch das Fläschchen, wie wir es immer noch brauchen – hilft dem Kind – und den Eltern, sich zu beruhigen 😉

6. Frühzeitig losfahren und Pufferzeiten einplanen

Erklärt sich eigentlich von selbst – soll aber der Vollständigkeit erwähnt werden. Ich muss mich auch immer wieder dran erinnern.

7. Wichtige Fragen notieren

Damit im Termin vor lauter neuen Infos und Themen die eigenen Fragen nicht untergehen: Einfach vorher aufschreiben und bereithalten. Ich frage vor dem Termin auch immer noch mal meinen Mann, ob er noch Fragen hat – so wird auch nichts vergessen.  

Habe ich noch was vergessen? Welche Tipps hast Du noch?

Lass es mich gerne wissen!

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5 Kommentare für “Selbst schuld, sag ich da nur. Wie ein Arzttermin mit Kind NICHT ablaufen sollte.

  1. Hallo meine liebe Steffi,
    So, erster Eintrag von heute samt Einleitung habe ich jetzt gelesen. Herrlich geschrieben und es macht… Darf ich das sagen? … Spaß! es zu lesen.
    Und ich kann dich so gut verstehen! Auch wenn ich kein, wie du so schön sagst “besonderes” Kind habe, kann ich doch so viele Situationen und Gefühle nachempfinden. Vielleicht in einer anderen Intensität aber doch sehr sehr ähnlich!!!
    Unfassbar schön geschrieben und ich freue mich jetzt noch auf die anderen Einträge!
    Musste aber gleich was dazu sagen!

  2. Liebe Steffi,
    ohhh, ich konnte mir beim Lesen deinen Arzttermin so gut vorstellen. Auch ich habe mit meinen Kleinen (die auch irgendwie “besonders” sind) so meine Erfahrungen gemacht. Gerade bei größeren bzw. längeren Untersuchungen ist es so wichtig, noch jemand dabei zu haben. Ich kann mich sonst nicht auf das Arztgespräch richtig konzentrieren. Und bei uns darf das Essen auf keinen Fall fehlen! 😉

    Danke, dass du uns auf diese spannende Weise an deinem Leben mit Fips teilhaben lässt.

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