Ehe & Familie

Die Diagnose verarbeiten. Väter und Mütter trauern anders.

Der Tag, an dem wir die Diagnose „Fragiles X-Syndrom“ für unseren Sohn bekamen, liegt nun mittlerweile fast sechs Jahre zurück. Man sollte meinen, dass wir ausreichend Zeit gehabt hätten, um uns an die Diagnose zu gewöhnen und damit zurechtzukommen, sie zu verarbeiten. Oder etwa doch nicht? Wie verarbeiten Eltern überhaupt eine solche Diagnose? Gemeinsam oder jeder für sich? Und was bedeutet das für die Beziehung? Ein paar Gedanken über ein Thema, das viel zu selten betrachtet wird.

Trauerbewältigung als Zyklus

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Worte unserer Betreuerin aus der Frühförderstelle – damals, als ich dachte, ich hätte die Diagnose gut verarbeitet und dann plötzlich wieder in ein Loch gefallen war. Sie erklärte mir, dass die Zeit der Verarbeitung sehr lange dauern könnte – manchmal auch das ganze Leben.
Und tatsächlich: Genau so erlebe ich es auch – als einen ewig andauernden Prozess; als einen immer wiederkehrenden Zyklus, in dem sich verschiedene Phasen der Trauerverarbeitung wiederholen – in unterschiedlicher Dauer und Intensität.
Es gibt Zeiten, da bin ich völlig im Reinen mit allem, bin stabil und in meiner Mitte, habe Freude daran, das Leben mit unserem Fips zu gestalten. Und dann gibt es eben auch immer wieder Momente, in denen ich plötzlich das Gefühl habe, nochmal ganz am Anfang zu stehen und den Mut zu verlieren. Mittlerweile habe ich das akzeptiert. Ich habe verstanden, dass es immer wieder diese Höhen und Tiefen geben kann.

„Unser Kind ist behindert“ – Die Phasen der Trauerbewältigung

Mir persönlich hat es dabei sehr geholfen, mich mit dem Ablauf eines solchen Trauerprozesses im Detail zu beschäftigen. So konnte ich mich und mein Empfinden besser verstehen. Beate Belz hat die Zusammenhänge in ihrem Bericht „Trauerprozesse bei Eltern von Kindern mit Behinderung“ sehr anschaulich beschrieben. Daher habe ich hier für Euch die wichtigsten Punkte zusammengefasst (den vollständigen Bericht findet Ihr unter www.trauer-wege-leben.de).

Der Trauerzyklus

1. Nicht-wahrhaben-wollen/-können

Das Nicht-wahrhaben-wollen und -können dient zunächst als Selbstschutz. Es ist ein Versuch, der Erschütterung durch den empfundenen Verlust zu entgehen. In dieser Zeit des Schocks fühlen sich Eltern wie betäubt und versteinert. Sie versuchen, einfach weiter zu funktionieren oder gehen gar in einen Förderaktivismus über. „Warum ich?“ lautet die zentrale Frage in dieser ersten Phase des Trauerprozesses.

2. Aufbrechende Emotionen

In der zweiten Phase wird der „Verlust“ der eigenen Wünsche durch die Behinderung des Kindes wahrgenommen. Es folgt ein schmerzhaftes Erleben unterschiedlichster Gefühle wie Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, Schuldgefühle, Hilflosigkeit, Angst, Einsamkeit, Gefühle der Bestrafung durch lebenslange Verantwortung usw.

3. Suchen, finden und sich wieder trennen

Mit fortschreitendem Trauerprozess versuchen die Eltern behinderter Kinder, sich an eine Welt anzupassen, in der das eigene Kind eine Behinderung hat und voraussichtlich auch behalten wird. Es geht darum, sich selbst besser kennen zu lernen und in die Tiefen der Gefühlswelt zu tauchen, um die eigenen Emotionen und Empfindungen besser zu verstehen, sie anzunehmen und wieder loszulassen. Die eigene Situation und das Leben mit dem behinderten Kind werden noch einmal reflektiert. In dieser Zeit ist der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich und heilsam, da sich Eltern hier besser verstanden fühlen.

4. Neuer Selbst- und Weltbezug

In dieser Phase geht es um das aktive Abschiednehmen vom gewünschten „idealen Kind“. Diese Zeit dient dazu, neue Kraft zu schöpfen und den tieferen Sinn hinter dieser Lebensaufgabe zu erkennen. Oft erkennen Eltern behinderter Kinder in dieser Phase, was sie durch diese Herausforderung für ihr Leben lernen und erkennen durften. Diese Lebenserfahrung erfährt plötzlich Wertschätzung, und die eigene Zuversicht wächst.

Auslöser für einen neuen Trauerzyklus

Diese Phasen der Trauerverarbeitung können sich immer wiederholen – teilweise auch in abgeschwächter Form oder in größer werdenden Abständen. Oft gibt es sogar konkrete Auslöser für einen neuen Trauerzyklus – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.
Es sind meist bestimmte Ereignisse oder Übergangssituationen im Leben mit einem behinderten Kind, die vergessen geglaubte Emotionen wieder hochkommen lassen. So habe ich es beispielsweise erlebt, als unser Sohn in den Kindergarten kam. Die Anspannung und die Sorgen vor diesem neuen Lebensabschnitt kennen sicher alle Eltern. Doch bei mir kamen noch mehr Gefühle hinzu: Die Angst vor der direkten Konfrontation mit der „Welt da draußen“. Die Befürchtungen, sich nicht verstanden zu fühlen, nicht dazuzugehören. All das hat einen neuen kleinen Trauerzyklus ausgelöst. Und auch heute – beim Wechsel von der Kita in die Schule – erleben wir als Eltern eine ähnliche Situation.
Genauso können auch bestimmte Jahrestage, der Geburtstag des Kindes, Ereignisse wie Kommunion oder Konfirmation Auslöser für neue Trauerprozesse sein. Immer dann, wenn abseits vom Alltag die Behinderung des eigenen Kindes plötzlich wieder ganz präsent wird, erlebe auch ich einen neuen kleinen Trauerzyklus. Doch ich weiß, dass dieses wiederholte Durchleben der Trauer eine Chance für mich ist, mich weiterzuentwickeln und daran zu wachsen.

Väter und Mütter in der Trauerbewältigung

Was mir persönlich beim Thema Trauerbewältigung in den vergangenen Jahren besonders geholfen hat, war die Erkenntnis, dass Männer und Frauen bzw. Väter und Mütter ihre Trauer unterschiedlich verarbeiten. Es klingt so banal – und doch ist es in meinen Augen so wichtig und hilfreich, hier genauer hinzuschauen. Es kann helfen, den eigenen Partner besser zu verstehen und Krisensituationen besser zu bewältigen. Dabei lege ich mein Augenmerk auf zwei verschiedene Aspekte:

1. Jeder Trauerzyklus hat sein eigenes Tempo

Auch wenn sich Trauerprozesse grundlegend ähneln, hat doch jeder Mensch seinen ganz individuellen Trauerzyklus. D. h. Vater und Mutter befinden sich nicht automatisch immer in der gleichen Trauerphase – auch wenn sie zum gleichen Zeitpunkt die Diagnose erfahren haben. Stattdessen stehen sie oft an unterschiedlichen Punkten im Trauerprozess. Dies zu erkennen, hat mir persönlich sehr geholfen. Wenn man sich als Eltern ganz bewusst mit diesem Thema auseinandersetzt und ehrlich in sich hineinhorcht, wird jeder für sich erkennen können, in welcher Phase er oder sie sich gerade befindet. Dies erklärt dann oft auch gewisse Verhaltensweisen und Stimmungen. Es hat tatsächlich viel mit dem Blick auf das eigene Gefühlsleben, mit einer gewissen Selbstreflexion zu tun.
Mir ist bewusst, dass das nicht jedem liegt, doch kann es möglicherweise gerade in schweren Zeiten helfen, sich gegenseitig nicht zu „verlieren“. Denn wenn sich zwei Menschen in zwei unterschiedlichen Trauerphasen befinden, haben sie auch unterschiedliche Gefühle, Emotionen, Blickwinkel auf das Leben. Immer dann, wenn einer der beiden in einer schwächeren Phase ist, kann der andere ihn auffangen. Und umgekehrt. Voraussetzung dafür ist natürlich, sich über die eigenen Gefühle auszutauschen – also offen miteinander zu sprechen. Das bringt mich auch schon zum zweiten Punkt, den ich für ebenso wichtig halte.

2. Männer und Frauen trauern unterschiedlich

Klingt eigentlich ganz logisch, oder? Schließlich sind Männer und Frauen in vielen Dingen doch grundverschieden – vor allem, was das Gefühls(er)leben betrifft. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, aber es gibt doch grundsätzlich geschlechterspezifische Unterschiede.

Während wir Frauen oft das Bedürfnis haben, offen über Sorgen und Probleme zu sprechen, machen viele Männer solche Dinge mit sich selbst aus. Es herrscht leider oft noch die Annahme, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, als Mann seine Gefühle zu zeigen. Sie trauern eher „leise“ – im Verborgenen – und vermeiden es, über ihre Empfindungen und Emotionen zu sprechen.
Andere wiederum vermeiden gar die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen (Trauer)Gefühlen und gehen direkt in eine Ablenkungsstrategie, z. B. durch intensive Arbeit oder exzessiven Sport.

Hinzu kommt, dass Trauerprozesse auf verschiedenen Ebenen ablaufen: körperlich, seelisch, geistig, sozial, emotional. Dieser Prozess läuft nicht immer auf allen Ebenden gleichzeitig, und zudem kann es natürlich zu verschiedenen Ausprägungen bei Männern und Frauen kommen.

Ein weiterer Unterschied in der Trauerverarbeitung ist der, dass Frauen wesentlich offener für Hilfe von außen sind, wie z. B. therapeutische Unterstützung, Selbsthilfegruppen oder Lebensberatung. Auch hier geht es schließlich um die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen – und zwar mit zunächst fremden, unbeteiligten Personen. Eine große Hemmschwelle für viele Männer.

Gemeinsam durch die Trauer gehen

Diese verschiedenen Arten der Trauerverarbeitung können im Zusammenleben zu großen Konflikten führen. Ich spreche aus eigener Erfahrung und kann nur jedem Elternpaar ans Herz legen, sich offen über die eigenen Gefühle auszutauschen. Allein schon die Ehrlichkeit sich selbst und dem Partner gegenüber kann zu viel mehr Klarheit sorgen, manche Verhaltensweisen oder Situationen erklären und so vielleicht das gegenseitige Verständnis fördern.

Stellt Euch doch einmal gemeinsam ganz grundsätzliche Fragen:

  • Wie habe ich mir mein Leben mit Kind vorgestellt?
  • Wie sah meine Lebensplanung aus?
  • Welche Wünsche und Träume hatte ich für unser Familienleben?
  • Was ist davon heute noch übrig?
  • Was ist in unsere Situation möglich?
  • Was macht mich traurig?
  • Wie geht es mir dabei?
  • Was wünsche ich mir für die Zukunft als Familie?
  • Was wünsche ich mir als Paar?

Mag sein, dass in einem solchen Gespräch auch unerwartete oder überraschende Denkweisen oder Aussagen ans Licht kommen. Doch umso wichtiger ist es, den Partner sie wissen zu lassen. Wer weiß, was sich im Gespräch daraus ergeben kann. Wer als Paar offen miteinander kommunizieren und über Gefühle sprechen kann, wird schwierige Zeiten sicher besser überstehen. Ich wünsche es Euch von Herzen.

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