Freundschaft
Gedanken Kita & Schule

Freundschaften, soziale Kontakte und Corona: Warum die Schule so wichtig für unseren behinderten Sohn ist

Es ist schon einige Zeit her, als ich mich mit der Frage beschäftigt habe, ob unser Sohn einmal Freunde haben wird (zum Artikel). Er war gerade einmal viereinhalb und ich fing an, in der Kita die Entwicklung von ersten Freundschaften unter den Kindern zu beobachten. Damals hatte ich das Gefühl, dass unser Fips oft noch etwas „abseits“ vom Spielgeschehen stand. Dass er zwar dazugehörte, aber keine wirklich engen Freundschaften aufbaute. Das war damals. Viel zu früh, um das Thema wirklich beurteilen zu können. Inzwischen ist die ganze Thematik allerdings präsenter denn je – in all ihren Facetten. Gerade jetzt – in Zeiten von Corona – ist sie fast täglich Teil meiner Gedanken. Zeit, um diese Gedanken einmal zu sortieren.

Kontakt zu anderen Kindern – die Zeit vor Corona

Bevor die Welt Kopf stand und Corona unseren Alltag beherrschte, war es relativ simpel: Die Kita war der vertraute Ort, an dem unser Fips mit anderen Kindern zusammen war. Hier entwickelte er die so wichtigen sozialen Beziehungen zu anderen Jungen und Mädchen in seinem Alter. Außerhalb des Kita-Alltags trafen wir uns bei schönem Wetter draußen zum Spazierengehen oder am Spielplatz mit anderen Kindern; und ab und zu verabredete ich mich auch mit anderen Müttern zuhause, damit unsere Kinder zusammen spielen konnten. Die Initiative ging dabei allerdings von mir aus. Unser Fips selbst fragte selten nach Spielkameraden. Er war zuhause einfach zufrieden – und zwar alleine.

Wie Corona die Verbindung zu anderen Kindern verändert hat

Als dann die Zeit von Corona kam, war ich wirklich dankbar, dass unser Sohn nach einigen Wochen Lockdown wieder in die Kita gehen konnte. So blieb ihm eine gewisse „Normalität“ erhalten. Außerhalb der Kita veränderte sich durch die Pandemie unser Leben allerdings sehr. Wie die meisten Familien reduzierten auch wir unsere Kontakte stark. Die Treffen mit anderen Kindern und ihren Müttern waren tabu – vor allem in den Herbst- und Wintermonaten. Natürlich war mir bewusst, dass es allen bzw. vielen Familien so ging und dass gerade die Kinder, die ihre Freunde nicht mehr treffen konnten, sehr darunter leiden mussten. Unserem Fips dagegen machte das Alleinsein gar nichts aus – so schien es. Mir als Mutter allerdings schon. Irgendwie tat es mir leid für ihn, ständig alleine zu sein. So alleine in seiner oder unserer kleinen Welt – ohne wirklichen Bezug zu anderen Kindern.
Immerhin: Er konnte in die Kita gehen und ich war noch mit einigen Kita-Eltern in Kontakt – so verabredeten wir uns ab und zu noch bei schönem Wetter draußen.

Der Übergang in die Förderschule – eine neue Welt mit neuen Kontakten

Mit dem Übergang in die Schule hat sich einiges verändert. Wir haben uns bewusst für eine Förderschule entschieden (zum Artikel) und sind absolut zufrieden mit dieser Entscheidung. Allerdings haben wir dadurch den Anschluss an die Familien im Ort verloren. Sie alle sind durch ihre Kinder, die Grundschule, Fußballverein usw. miteinander vernetzt und regelmäßig in Kontakt. Wir dagegen haben nun einen anderen Mittelpunkt im Alltag – unsere Förderschule. Hier hat unser Fips neue Kinder kennengelernt, und auch wir Eltern kommen mit neuen Eltern in Kontakt – wenn auch nur sehr begrenzt. Es ist eine völlig andere Welt, als wir sie vorher kannten. Anonymer. Distanzierter.
Zuhause hat sich allerdings nichts verändert: unser kleiner Mann ist hier nach wie vor mit sich alleine sehr zufrieden. Er fragt nicht nach anderen Kindern – sucht keinen Kontakt zum Spielen. Sobald er zuhause ist, lebt er in seiner eigenen Welt. Eine sehr einsame Welt, wie ich finde.

Wie einsam ist er wirklich?

Wenn ich unseren Sohn zuhause so beobachte, wie er in seinem Zimmer Bücher anschaut oder mit seinem Kissen kuschelt, dann frage ich mich, wie es ihm damit geht. Ob er sich einsam fühlt. Ob er wahrnimmt, dass er so oft alleine ist. Sicher – nach einem anstrengenden Schultag tut ihm die Ruhe einfach gut. Aber am Wochenende? Oder in den Ferien?
Er kennt es natürlich auch nicht anders. Er hat keine Geschwister und auch sonst kaum Kontakt zu gleichaltrigen Kindern. Aber ist dieses Alleinsein für ihn wirklich okay? Und ist es überhaupt gut für ihn? Was könnte ich an der Situation ändern? Oder habe ich dieses Problem einfach nur selbst in meinem Kopf erschaffen? Sollte ich vielleicht einfach entspannter bleiben?
Immerhin – in letzter Zeit fragt er mich ab und zu nach einem Jungen aus dem Bekanntenkreis. Er ist 2 Jahre älter, quirlig, sportlich und liebt Fußball. Doch durch Corona vertröste ich ihn immer wieder. „Wenn mal schönes Wetter ist“, „Wenn ihr wieder draußen spielen könnt“, … Zu groß ist meine Angst. Ist diese Angst hier fehl am Platz? Sollte ich über meinen Schatten springen – ihm zuliebe? Was ist hier richtig?

Die Schule als sozialer Treffpunkt

Umso dankbarer bin ich, dass in wenigen Tagen die Ferien zu Ende gehen und (hoffentlich) die Schule wieder beginnt. Denn der Schulunterricht ist ganz besonders wertvoll für unseren Fips. Hier blüht er auf. Hier ist er motiviert und voller Freude. Hier kommt er mit anderen Kindern in Kontakt, lernt das Miteinander und den Austausch, entwickelt sich sozio-emotional weiter. Das Lehrer- und Erzieher-Team macht einen wunderbaren Job! Nicht nur, wie gut die Kinder hier gefördert und gefordert werden – es ist diese so essentielle Bedeutung der sozialen Kontakte für unseren Sohn: durch die Kinder, die erwachsenen Bezugspersonen, die Nähe zu anderen Menschen außerhalb der Familie nimmt er so viel für sich mit. Genau das ist es, was ihn antreibt, was ihn wachsen lässt. Man sieht es ihm an, wieviel Freude und Kraft ihm die Schule gibt – selbst, wenn er nach einem langen Schultag ganz erschöpft nach Hause kommt. Daher ist die Schule vor allem in der jetzigen Zeit so besonders wichtig und wertvoll für unseren Fips. Vermutlich durfte ich durch diese Ausnahmesituation von Corona diesen Wert der Schule überhaupt erst wirklich spüren, in seiner ganzen Tragweite erfassen. Vermutlich wäre mir dies sonst nie so bewusst geworden.

Daher wünsche ich unserem Sohn und allen anderen Kindern, dass sie auch weiterhin in die Schule gehen und dort ihre Freunde treffen und Freundschaften erhalten und pflegen können.

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