Gedanken Kita & Schule

Wird unser Kind mal Freunde haben?

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als unser Fips in den Kindergarten kam. Im Vorfeld hatte ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie das wohl alles werden würde – mit ihm und den anderen Kindern. Würde er sich dort wohl fühlen? Würden die anderen Kinder ihn mögen? Würde er dort Freunde finden? Oder würde er eher eine Außenseiterrolle einnehmen? Wie würde sich das alles im Laufe der Zeit entwickeln? Viele Fragen und Sorgen.

Ein guter Start

Umso schöner war es zu sehen, dass unser Fips so schnell Anschluss gefunden hatte. Mit seiner fröhlichen und offenen Art hatte er in kürzester Zeit seinen festen Platz im Kindergarten. Gerade anfangs war er oft von einer ganzen Kinderschar umgeben – vor allem, weil er an vielen Stellen noch Unterstützung brauchte. Das weckte bei vielen Kindern den Beschützerinstinkt. Zu süß, wie herzlich er begrüßt wurde und wie die kleinen Spielkameraden sich um ihn sorgten. Eine beeindruckende Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. Wirklich rührend und vor allem ein beruhigendes Gefühl für mich als Mutter.

Einige Kinder hatten es ihm besonders angetan. Es entwickelten sich erste „kleine Freundschaften“, enge Bindungen zu Spielkameraden – und zwar Jungen und Mädchen, teilweise auch durch Freundschaften unter uns Müttern. Ein schönes Gefühl. Wir waren keineswegs Außenseiter, sondern mitten drin, mit dabei. Somit waren alle Sorgen und Ängste unbegründet. Unser Fips fühlte sich rundum wohl in seinem Kindergarten. Er hatte Freunde gefunden – und das machte mich einfach glücklich.

Was ist, wenn sie größer werden?

Doch irgendwann sagte mein Mann einmal: „Naja, mal schauen wie es dann ist, wenn sie größer werden.“ Ich konnte seine Zweifel bzw. Skepsis nicht verstehen. Ich war völlig zuversichtlich: „Was soll dann sein? Du musst sie mal beobachten. Das passt einfach. Wieso sollte sich da was ändern?“
„Na, weil die anderen Kinder sich ganz anders weiterentwickeln, viel schneller, und später vielleicht keine Lust mehr auf unseren Fips haben?!“

Für mich war dieser Gedanke nicht wirklich greifbar. Wenn ich mir unseren Fips und seine Spielkameraden anschaute, war doch alles bestens. Die Kinder mochten sich, sie spielten (mehr oder weniger) miteinander – oder eben nebeneinander her. Es war ein schönes Bild. Wieso sollte ich das in Frage stellen? Schließlich haben die Kinder unseren Fips in so jungen Jahren kennengelernt – so wie er eben ist. Und er war und ist gut so, wie er ist. Sie werden gemeinsam groß – das schweißt doch zusammen! Was soll da denn schiefgehen? Klar verändern sich Freundschaften im Laufe der Zeit. Manche lösen sich vielleicht auf – neue kommen hinzu. Aber das ist doch ganz normal, oder?

Erste kleine Veränderungen

Etwa ein Jahr später erinnerte ich mich an das Gespräch mit meinem Mann und spürte, dass er irgendwie recht hatte. Es war so ein Bauchgefühl. Doch wie kam ich darauf? Gab es einen bestimmten Anlass?

Nein, nicht wirklich. Ich bekam nach wie vor das gewohnte positive Feedback vom Erzieherteam, dass unser Fips – genau wie alle anderen Kinder – ein fester Bestandteil der Kindergartengemeinschaft ist. Dass die Kinder ihn mögen, dass sie sich liebevoll um ihn kümmern, dass aber auch mal gerangelt wird wie bei anderen Kindern. Und ich bekomme nach wie vor mit, wie er morgens von einigen Kindern ganz freudig begrüßt – ja fast schon sehnsüchtig erwartet wird.

Trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass sich im Laufe der Zeit etwas geändert hat. Es waren kleine Momentaufnahmen, einzelne Eindrücke, die – vielleicht auch nur unbewusst – in mir arbeiteten. Situationen, in denen ich das Zusammensein der Kinder beobachtete. Im Kindergarten, bei gemeinsamen Spielnachmittagen, am Spielplatz.

Ich hatte das Gefühl, dass unser Fips zwar wirklich gemocht wird – keine Frage, aber dass er teilweise einfach „nur“ mitläuft. Dass er nicht richtig dazugehört – zu den „eingeschweißten Jungenbanden“, die sich mehr und mehr entwickelten. Er war da – und das war gut so. Aber er war eher in der passiven Rolle. In der beobachtenden Rolle.
Klar, seine kognitive Entwicklung geht deutlich langsamer voran als bei anderen gleichaltrigen Kindern. Das zeigt sich sowohl in der Sprachentwicklung und im Sprachverständnis – aber eben ganz besonders auch im Spielverhalten. Und so kann er im freien Spiel einfach nicht „mithalten“. Während andere Kinder beginnen, in Rollenspiele zu schlüpfen, Phantasiewelten zu schaffen oder auch Spielregeln aufzustellen, kann unser Fips da „nur“ interessiert zuschauen. Ich meine das auf keinen Fall abwertend, denn seine bisherigen Fortschritte sind enorm. Doch gerade im Spiel mit anderen Kindern fällt mir eben wieder deutlich auf, dass er anders ist. Und dass er eben auch anders spielt.

Hinzu kommt, dass sich unser Fips immer wieder gerne zurückzieht. Raus aus dem Trubel, rein in seine Komfortzone. Etwas abseits vom Geschehen. Einfach nur beobachten. Ein sehr cleveres Verhalten, wie ich finde, denn damit schützt er sich selbst vor zu vielen Reizen. Am besten noch den Schnuller im Mund, und er findet wieder ganz zu sich selbst. Und da bleibt er dann auch – bei sich selbst.

Entspricht meine Wahrnehmung der Realität?

Und so erlebe ich unseren Fips, wenn ich ihn im Kindergarten abhole, oft „alleine“. Klar, das kann immer vorkommen – bei jedem Kind. Aber selten erlebe ich ihn im gemeinsamen Spiel mit anderen Kindern. Es ist ein Bild, das ich wahrnehme und das sich wie ein Puzzlestück zu den vielen anderen Bildern und Eindrücken reiht. Und daraus entsteht mein Gefühl, meine Einschätzung der Situation. Es ist meine persönliche Wahrnehmung.

Aber ich muss ehrlich zugeben: Ich kann nicht beurteilen, wie es tatsächlich im Detail abläuft. Wie die Realität aussieht. Dazu hätte ich die Möglichkeit, im Kindergarten zu hospitieren. Einfach mal in der Gruppe zu schnuppern. Zu beobachten, wie so ein Tag abläuft. Doch bisher habe ich die Chance noch nicht genutzt. Warum eigentlich? Vielleicht weil ich Angst habe, dass ich neben den vielen positiven erfreulichen Bildern eben auch das Bild „unserer“ Realität sehen würde? Zu sehen und vor allem zu spüren, dass wir doch irgendwie in einer anderen Welt leben? Vielleicht sollte ich es einfach wagen…

Und in Zukunft?

Es ist ein komisches Gefühl – diese Beschäftigung mit dem Thema Freundschaft. Irgendwo zwischen Freude und Traurigkeit. Freude darüber, wie herzlich unser Fips aufgenommen wird, Traurigkeit darüber, dass doch irgendwie alles anders ist. Aber ich bin mir sicher, dass es dazu gehört. Und dass diese Thematik in der Zukunft noch viel tiefgreifender werden wird. Es ist eine grundlegende Frage, ob Freundschaften zwischen Menschen mit und ohne geistige Behinderung möglich sind. Im Moment stehen wir mit unserem Fips noch am Anfang dieser „Reise“ und ich kann und möchte mir noch gar kein Urteil darüber erlauben. Ich denke, wir werden im Laufe des Lebens unsere Erfahrungen machen. Vor allem: Unser Fips wird seine Erfahrungen machen. Und vermutlich wird er auch die ein oder andere schlechte Erfahrung machen. Doch auch das werden wir gemeinsam meistern. Doch eines habe ich glaube ich schon jetzt verstanden: Dass jede Freundschaft einzigartig ist. Weil jeder Mensch einzigartig ist. Und am Ende ist es doch nur wichtig, dass wir uns mit den Menschen, die uns umgeben, wohlfühlen. Wie genau das aussieht, wird sich zeigen. Und so werden seine Freundschaften zu anderen Kindern – ob mit oder ohne geistige Behinderung – wahrscheinlich einfach anders sein. Weil er anders ist. Aber wie sage ich immer: Hauptsache es geht ihm gut! 😊

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