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Reha-Buggy oder Rollstuhl? Im Gespräch mit Stephan Morth, movimento Orthopädie- und Rehatechnik

„Das ist doch kein Rollstuhlkind!“ Das war die Aussage unserer Betreuerin von der Frühförderstelle, als ich ihr erzählte, dass wir bald einen Beratungstermin zum Thema „Reha-Buggy oder Rollstuhl?“ haben. Und ich weiß, was sie damit meinte. Denn unser Fips KANN laufen. Das Problem ist, dass er es oft nicht WILL. Dann steht für mich meist nur eins im Fokus: Wie kann ich unseren Fips von A nach B transportieren, ohne mir den Rücken kaputt zu machen? (siehe dazu auch “Du machst Dir noch den Rücken kaputt“) Und in absehbarer Zeit wird sich an dieser Situation vermutlich nicht viel ändern. Unser Fips wird sich auch in naher Zukunft noch nicht komplett eigenständig fortbewegen, zumal ihm für lange Strecken ohnehin die Kondition fehlt. Somit bin ich auf irgendein Hilfsmittel angewiesen. Und jetzt, wo unser aktueller Reha-Buggy* langsam zu klein wird, stehen wir ganz einfach vor der Frage: Reha-Buggy* in der nächstgrößeren Ausführung oder Kinder-Rollstuhl?

Praktisch muss es sein! Also in erster Linie platzsparend.

Wenn ich ehrlich sein soll, war das mein Hauptkriterium bei dieser Entscheidung: Das neue „Gefährt“ muss möglichst platzsparend zusammenklappbar sein. Und zwar aus ganz praktischen Gründen. Denn ich muss es ja irgendwie in meinem Auto transportieren können. Da unser aktueller Reha-Buggy* schon nicht in meinen Kofferraum passt (bei einem Kleinwagen auch eine echte Herausforderung), habe ich bei Autofahrten bisher immer noch unseren alten klapprigen Standard-Buggy genutzt. Für kurze Strecken, z.B. in der Stadt oder zum Arzt, war das auch ok. Mittlerweile geht dieser kleine Buggy allerdings ganz schön in die Grätsche, und es muss dringend eine Lösung her. Allein aus diesem Grund war für mich die nächste Größe unseres Reha-Buggys* schon raus: Noch größer, noch breiter – keine Chance! Der passt nicht in mein Auto. Da ich in Gesprächen mit anderen Eltern gehört hatte, dass ein Rollstuhl relativ platzsparend zusammengeklappt werden kann, war das für mich die perfekte Lösung. Das müsste doch passen! Ich war vollkommen fixiert auf einen Rollstuhl, zumal unser Sohn ja eigentlich auch nicht mehr in einem Alter für einen Buggy ist. Dachte ich.

Gut beraten vom Experten – ein Interview mit Stephan Morth, movimento in Kassel

Doch wie trifft man eine solche Entscheidung richtig? Welche Aspekte spielen hier eine Rolle? Worauf muss ich achten? Was ist das Beste für unser Kind? Diese Fragen standen im Mittelpunkt bei unserem Gespräch mit dem tollen Expertenteam von movimento in Kassel – unser Ansprechpartner Nummer 1 in allen Fragen rund um Orthopädie- und Rehatechnik. Mit dabei war auch Geschäftsführer Stephan Morth, der mir speziell für diesen Artikel noch einmal Rede und Antwort gestanden hat.

Stephan Morth

Geschäftsführer bei movimento Orthopädie- und Reha-Technik in Kassel,
Orthopädiemechaniker- und Bandagistenmeister

Herr Morth, wie sehen Sie das denn als Experte? Was empfehlen Sie in einem Fall wie unserem? Reha-Buggy oder Rollstuhl?

Stephan Morth: Zu Beginn einer Hilfsmittelversorgung stellt sich als erstes immer die Frage, welche medizinischen Anforderungen an das Hilfsmittel gestellt werden. Danach entscheidet sich dann, was im jeweiligen Fall am meisten Sinn macht. Als Beispiel kann man hier die Stabilisierung der Wirbelsäule und der Hüftgelenke nennen. Aber bevor ich auf Ihren Fall eingehe, möchte ich gerne noch einmal kurz die Begrifflichkeiten erklären.

Ihr „Reha-Buggy“, wie Sie ihn nennen, wird offiziell als „Reha-Karre“ bezeichnet. Diese ist in erster Linie dazu da, das Kind im Sitzen und beim Transport zu stabilisieren. Das ist gerade bei Kindern mit muskulärer Hypotonie sehr wichtig. Durch Pelotten, Stützen und Gurte bekommt das Kind entsprechende Unterstützung für eine aufrechte Sitzposition und gute Körperhaltung. Die Reha-Karre hat viele Einstellmöglichkeiten und bietet im Vergleich zu anderen Hilfsmitteln eine deutlich bessere Grundlage, die Wirbelsäule, Hüften und den Kopf zu positionieren. Reha-Karren sind in erster Linie für nicht gehfähige Kinder gedacht – oder für Kinder, bei denen mit einer sehr eingeschränkten Gehfähigkeit zu rechnen ist. Wenn ein Kind den Kopf nicht selbst halten kann, ist eine zusätzliche Positionierung über die Neigung des gesamten Sitzes (Kantelung) notwendig.

Gerade in so jungen Jahren, wenn ein Kind ohnehin noch wenig eigenständig ist, empfehlen wir ganz klar eine solche Reha-Karre. Somit war das bis jetzt die ideale Lösung für Ihren Sohn. Die Reha-Karre ist tatsächlich sehr schwer und nicht gerade platzsparend und wird daher auch nur bis Größe 2 gebaut. Wir empfehlen allerdings sehr selten Größe 2 und fast immer einen Rollstuhl, da diese Größe häufig im Schulalter zum Einsatz kommt und die Reha-Karren dann auch in den Klassen sehr sperrig sind.

Ein Reha-Buggy dagegen, oder auch „Transportbuggy“ genannt, ist deutlich leichter und fast immer sehr gut faltbar. Allerdings hat er weniger Einstellungen und bietet wenig Unterstützung für das Kind, ist also weniger „komfortabel” und fördert auch die Sitzhaltung weniger.
Er ist z.B. ideal für Kinder, die bereits lange Strecken gehen können und ihn eher als Unterstützung benötigen – oder auch als Zweitversorgung für den schnellen Weg zum Arzt.

Kann ein Kind jedoch noch keine langen Strecken eigenständig laufen und könnte einen Rollstuhl nutzen, dann empfehlen wir lieber einen Rollstuhl. Er bietet dem Kind die Möglichkeit der selbstständigen Fortbewegung, erweitert den Bewegungsradius und somit die Teilhabe an der Umgebung. Das Kind kann sich aus „eigenem Antrieb“ fortbewegen, sich durch die eigene Bewegung im Rumpf in alle Richtungen drehen und hätte einen freien Blick. Und natürlich kann es durch Drehung des Rollstuhls um die eigene Achse ganz selbstbestimmt am Geschehen rundherum teilhaben. Das erweitert im wahrsten Sinne des Wortes den Horizont. Beim Rollstuhl geht es also in erster Linie um eine Förderung und Unterstützung der Eigenständigkeit.  

Also fällt für uns die bisherige Reha-Karre definitiv raus, da sie ohnehin zu sperrig wäre und auch nicht mehr zweckmäßig ist. Was empfehlen Sie uns denn für unseren Sohn – Rollstuhl oder Reha-Buggy?

Stephan Morth: In Hinblick auf seine Eigenständigkeit wäre der Rollstuhl die bessere Wahl. Natürlich ist ein Rollstuhl immer noch etwas negativ behaftet. Die Assoziation „Rollstuhl = kann nicht laufen“ ist wohl bei vielen Menschen noch verankert. Daher auch die Aussage Ihrer Betreuerin „Das ist doch kein Rollstuhlkind“.
Dabei ist der Rollstuhl ein tolles Hilfsmittel – gerade auch für Kinder, die bereits laufen können, wie Ihr Sohn, die aber schneller erschöpft sind, und die sich am Ende einer Laufstrecke hinsetzen müssen, sich aber noch frei bewegen möchten und nicht immer in die gleiche Richtung starren wollen.

Welche Varianten oder verschiedenen Modelle gibt es denn im Bereich der Kinder-Rollstühle?

Stephan Morth: Wir bei movimento unterscheiden hier grundsätzlich zwischen dem Aktivrollstuhl und dem Faltrollstuhl.
Der Aktivrollstuhl hat einen starren Rahmen und unterschiedliche Möglichkeiten der Ausstattung mit Unterstützung für das Kind. Durch Anbauten wie eine elektrische Unterstützung (Kraftverstärkung, Schiebehilfe usw.) und ein Outdoorrad kann ein Rollstuhl leicht und auch sehr funktionell sein. Die Räder sind übrigens abnehmbar, so dass der Rollstuhl gut transportiert werden kann.
Den Faltrollstuhl empfehlen wir nur bei größeren Sitzbreiten, damit sich das Zusammenklappen auch tatsächlich „lohnt“. Bei Kindern ist das eher selten der Fall, da hier die Sitzbreite meist sehr klein ist. Ein Rollstuhl für Kinder wird durch das Zusammenklappen nicht wesentlich schmaler. Allein Rahmen und Räder nehmen viel Platz ein. Und bei kleinen Sitzbreiten lohnt sich das Mehrgewicht durch den Faltmechanismus nicht. Zusätzlich wird durch den Faltmechanismus der Rollstuhlrahmen auch instabiler und lässt sich deutlich schwerer antreiben. Der Faltrollstuhl ist natürlich in gewisser Weise auch ein “Aktivrollstuhl”, weil er die selbständige Fortbewegung ermöglicht. Wegen seiner “negativen Eigenschaften” empfehlen wir ihn allerdings nur für den Transport und nicht zum eigenen Fahren.
Für Kinder, die weiterhin auf eine umfangreiche Unterstützung angewiesen sind, beraten wir auf einen sogenannten Kantel-Rollstuhl. Er bietet, ähnlich wie die Reha-Karre, eine maximale Unterstützung für die Sitzposition und ist mit einem Pflegerollstuhl aus dem Bereich der Erwachsenenversorgung zu vergleichen.

Also wäre für uns ein Aktivrollstuhl das passende Hilfsmittel? Mal abgesehen davon, dass ich immer noch Bedenken bzgl. der Abmessungen hätte: Wenn ich unseren Sohn an den Rollstuhl gewöhne, sehe ich echte Probleme, ihn dann noch zum Laufen zu bewegen. Ich befürchte, dass sich unser Problem dadurch noch verschärfen wird. Kennen Sie denn solche Fälle aus Ihrer bisherigen Erfahrung?

Stephan Morth: Grundsätzlich kann ich Ihre Bedenken teilen. Unser Ziel ist natürlich die Förderung des Gehens, keine Frage. Wir raten den Eltern, die Zeiten für die Nutzung des Rollstuhls vorher zu regeln, also auch zu „reglementieren“. Diese Regeln sollten mit dem betreuenden Umfeld klar besprochen werden. Dann steht einer zusätzlichen Förderung der Mobilität durch ein solches Hilfsmittel nichts im Wege und wird auch keinen negativen Einfluss auf die Förderung des Gehens haben.

Sie hatten erwähnt, dass es auch die Möglichkeit gibt, Rollstuhl und Reha-Buggy parallel bei der Krankenkasse zu beantragen. Macht das denn Sinn? Oder ist das Zuviel des Guten?

Stephan Morth: Grundsätzlich ist diese Kombination tatsächlich möglich, aber natürlich immer etwas schwieriger, bei den Kassen genehmigt zu bekommen.

Sie merken wahrscheinlich schon – ich habe immer noch Bedenken bzgl. eines Rollstuhls…  sowohl wegen der Größe als auch wegen des Problems mit dem Laufen. Mein Wunsch wäre es ja, unseren Sohn mit einem Reha-Buggy und dem reglementierten Einsatz zu mehr Eigenständigkeit zu bewegen. 
Wenn er grundsätzlich erstmal zum Laufen animiert wird und sich anschließend im Buggy “ausruhen” darf, habe ich ein besseres Gefühl, als ihn an einen tollen Aktivrollstuhl zu gewöhnen. Im gemeinsamen Termin konnten wir ja sehen, welchen Spaß er im Rollstuhl hatte.  

Stephan Morth: Das kann ich gut nachvollziehen. Sie kennen Ihr Kind am besten, und von unserer Seite steht dem auch nichts entgegen. Er hat mittlerweile die erforderliche Stabilität, vor allem im Rumpf, um entsprechende Strecken auch in einem Reha-Buggy transportiert zu werden.

Herr Morth, ganz herzlichen Dank für die vielen hilfreichen Informationen und die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Auch an das ganze Team von movimento ein großes Dankeschön!


Zusammenfassend kann man sagen, dass folgende Aspekte in die Entscheidungsfindung mit einfließen:

  • Einschätzung der behandelnden Ärzte in enger Abstimmung mit den Hilfsmittelexperten bzgl. Körperhaltung, Stabilität, Gang usw.
    (Hinweis: Der Verordner legt in der Regel das Hilfsmittel fest und ist auch verantwortlich!)
  • Einschätzung der Situation durch Physio- und Ergotherapeuten mit Blick auf die Therapie- und Entwicklungsziele
  • Meinung der Eltern – auch aus rein praktischer Sicht
  • Einsatzzwecke des Hilfsmittels

*Die Bezeichnung Reha-Buggy, wie wir sie immer verwendet haben, ist nicht korrekt gewesen, eigentlich müsste es Reha-Karre heißen.

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2 Kommentare für “Reha-Buggy oder Rollstuhl? Im Gespräch mit Stephan Morth, movimento Orthopädie- und Rehatechnik

  1. Hallo Steffi und vielen Dank für das interessante Interview. Meine Bekannten möchten einen Reha-Buggy für seinen Sohn kaufen. Ich werde ihnen daher empfehlen, einen Rollstuhl in Erwägung zu ziehen. Gerne werde ich diesen Beitrag mit ihnen teilen.

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